Dienstag, 27. September 2011

Sehr geehrter Hr. Seeger,

zunächst möchten wir Ihnen unseren Dank aussprechen für die überaus ausführliche Antwort und die Recherchen, welche sie anlässlich ihrer Preisverleihung angestellt haben.

Nichtsdestotrotz beharren wir auf dem Standpunkt, dass die Qualität eines Journalisten, nicht anhand der Brutalität der gegen ihn verübten körperlichen Überfälle gemessen werden kann, erst recht erhebt ein solch, bei aller Kritik, brutaler Angriff den Betroffenen nicht zu einem „Verfechter der Meinungsfreiheit“. Wir wollen klar voranstellen, dass wir diesen Angriff aufs Äußerste verurteilen und keinesfalls billigen, jegliche Form von Gewalt gegen Publizisten, gleichgültig welcher politischer Couleur, ist in aller erster Linie ein Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit .

Trotz Ihrer Recherchen in dieser Causa sind wir der Meinung, und damit sind die unten aufgeführten Unterzeichnenden gemeint, dass diese nicht mit der notwendigen Sorgfalt durchgeführt wurden, angesichts des Gewichts der Prämierung durch Ihr Institut und der damit einhergehenden Signalwirkung für den freien Journalismus. Ein schon flüchtiger Blick über die „Werke“ von Oleg Kashin offenbart die tiefen Abgründe „opportunistischer“ russischer Journalistik und zeigt die Verachtung, welche Oleg Kashin gestandenen Journalisten wie Anna Politkovskaya entgegenbringt, leider erwähnen Sie den von uns angesprochenen Artikel mit keinem Wort.

Deshalb geben wir Ihnen, den nicht böse gemeinten Rat, Auszüge aus der kremlhörigen Zeitschrift „Blickwinkel“ zu lesen. In diesen Auszügen schreibt Kashin über Politkovskaya sinngemäß, dass diese nicht aufgrund Ihrer journalistischen Tätigkeit ermordet worden sein konnte, angesichts der „wirren“ Artikel, die Sie seiner Meinung nach schrieb, sondern vielmehr hätten es die vermeintlichen Mörder nur auf ihr Auto abgesehen. Nach der Lektüre der doch zahlreichen „lesenswerten“ Zitate von Oleg Kashin könnte Ihre Medienstiftung peinlichen Fragen ausgesetzt sein, insbesondere wieso ein derzeitiger Preisträger Ihrer Medienstiftung eine ehemalige hochangesehene Preisträgerin Ihres Instituts derart diskreditiert.

Natürlich glauben auch wir, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben muss begangene Irrtümer zu korrigieren. Doch scheint die Art und Weise mit welcher Herr Kashin mit den begangenen Irrtümern aufräumt doch fragwürdig. Vernünftiger wäre vielmehr eine Entschuldigung gegenüber all den Leuten, welche er mit seinen Äußerungen zutiefst verletzt hat, und dies nur wenige Tage nach dem Tod der Betroffenen.

Somit wollen wir wiederholt zum Ausdruck bringen, dass die Verleihung an Herr Kashin, nicht nur als Diskreditierung Ihres Instituts angesehen werden wird, sondern ferner auch als ein Affront an alle freien Journalisten in Russland, welche tagtäglich Ihr Leben für einen bescheidenen Lohn riskieren. Wir sind zutiefst verstört, dass eine an sich „edle“ Idee, nämlich mutigen Journalismus und freiheitliche Presse zu fördern, in Ihr Gegenteil verkehrt wird, und dies auch noch sehenden Auges geschieht.

Hochachtungsvoll,
Andrej Schmidt (Russia Research Group)
Alexej Schmidt (Russia Research Group)
George Drugoy (Behind Bars Frankfurt)
Benjamin Namlid (Behind Bars Frankfurt)

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